Anna Horn von ReThinkLegal

Digitale Detektivarbeit mithilfe von KI

 

Panama Papers, Dieselgate, Cum Ex Files … Die Aufklärung dieser Skandale ist alles andere als leicht fallen doch terrabytegroße Datenmengen an. Doch wie geht das eigentlich? Anna-Katharina Horn nutzt mit ihrem Startup reThinkLegal künstliche Intelligenz, um sich durch Aktenwälder zu forsten.

Ihre Aufträge können Monate dauern, manchmal Jahre. Oder es sind kurze Kraftakte: Gerade kommt sie aus einem Projekt, in dem sie drei Wochen komplett durchgearbeitet hat. Eigentlich ist Anna-Katharina Horn gelernte Rechtsanwältin, aber das war ihr zu trocken, wie sie sagt. Seit sieben Jahren ist sie bei reThinkLegal und damit genau an der Grenze zwischen IT und Rechtsdienstleistungen.

Horn ist mittlerweile Managing Direktor im Unternehmen, aktiv ist sie besonders im sogenannten Bereich der eDiscovery. Mithilfe von KI-basierten Tools u.a. Nuix bereinigen Horn und ihr Team Daten von Müll und machen sie durchforstbar. Gut 100 Dokumente braucht das Programm, um seinen Algorithmus zu schulen. Horn gibt den Dokumenten Kategorien und bewertet sie nach Relevanz. „Mittlerweile sind diese Programme schon so weit, dass sie Waffen auf Bildern erkennen können“, erzählt Horn. Die Aufträge bekommt reThinkLegal zum Beispiel von Unternehmen oder von Kanzleien.

Keine Aktenberge mehr durchwühlen

Die Anwendungsbereiche von Programmen wie Nuix sind vielfältig: Bei Untersuchungen wie dem Dieselskandal helfen sie, Täuschungsabsichten aufzufinden und nachzuweisen. Und bei Insolvenzfällen kann mit ihnen zum Beispiel überprüft werden, ob auch wirklich alle materiellen Güter und Patente mit in die Insolvenzmasse eingeflossen sind. Außerdem helfen sie, nachzuvollziehen, ob bei der Insolvenzanmeldung zeitlich alles richtig vonstattenging. Auch Ermittlungsbehörden nutzen die KI-Technik. Sie können sogar noch einen Schritt weitergehen: Während Horn bei jedem Fall die KI neu aus Datenschutzgründen neu trainieren muss, können Ermittler Querverbindungen schaffen und so viel tiefer in die relevanten Netzwerke eintauchen.

Für die Panama Papers hat übrigens auch die Süddeutsche Zeitung von Nuix Gebrauch gemacht. „260 Gigabyte Geheimdateien – ausgedruckt entspricht das etwa 500.000 Mal der Bibel“ schreibt sie auf ihrer Website über die Datenleaks. So hat die KI von Nuix der Süddeutschen Zeitung beispielsweise detaillierte Grafiken über die Kontaktgeflechte von Personen angefertigt. Dazu hat das Programm den Mailkontakt ausgewertet und diesen visualisiert. Die KI schafft also in Sekunden etwas, für das Menschen früher monatelang Aktenberge durchwühlen musste – digitale Detektivarbeit mithilfe einer KI also.

Ob sie Angst habe, dass ihr durch das Programm auch mal eine Information durch die Lappen geht? „Es kommt immer auf den Datensatz an. Aber wir haben eine sehr gute Quote, und am Ende eher zu viel als zu wenig Daten“, so Horn. Insgesamt würden die KI-Tools mit Leichtigkeit zwei Drittel des Datenmülls beiseiteschaffen. Doppelte Dokumente, kaputte Dateien, Privatnachrichten. Sogar ein Zeitstrahl von den Aktivitäten des jeweiligen Mitarbeiters kann angefertigt werden, in dem ganz genau nachverfolgt werden kann, welche Info und welche Aussage wann über den Tisch gegangen ist.

Datenschutz von hoher Bedeutung

Bei all der Nutzung von künstlicher Intelligenz sei es jedoch auch immer wichtig, den Datenschutz im Auge zu behalten. Und das bedeute vor allem „viele Gespräche mit Anwälten, Rechtsabteilungen und Betriebsräten“, so Horn. Denn in neuen Arbeitsverträgen stehe meist, dass Angestellte ihre Arbeitsgeräte nicht privat nutzen dürfen. Dann dürfen Horn und ihre Kollegen die Geräte auch untersuchen. Bei alten Verträgen stehe diese Klausel meist noch nicht – und deswegen muss sich die Einwilligung zum Beispiel vom Betriebsrat eingeholt werden. Hinzu kommt: Die Grenzen von Privatem und Arbeit vermischen sich zusehends. Wie sieht es zum Beispiel aus mit privaten Nachrichten auf beruflich genutzten LinkedIn-Profilen? Wie geht man damit um, wenn ein Unternehmen einen Social Media-Account hat und der zuständige Mitarbeiter etwas falsch macht? Wie kommt man an die Daten der Profile, die meist auch noch mit privaten Profilen gekoppelt sind? Durch die vielen Kontaktpersonen und Erlaubniswege habe das „eine immense Vorlaufzeit“, berichtet Horn.

„Wir wollen am Puls der Zeit bleiben“

Horn ist außerdem als Chapter Director bei den Women in eDiscovery. Dieses Netzwerk hat das Ziel, Frauen, die im juristischen Markt und mit Technologien arbeiten, zu fördern und zu vernetzten. Eigentlich ist dieses Netzwerk eine US-amerikanische Gründung. In Frankfurt habe es deswegen noch keinen Ortsverband gegeben, kurzum hat Horn diesen selbst gegründet. Mittlerweile hat der Verein 90 Mitglieder in Europa, von Zürich bis Amsterdam. Mitmachen kann jede Frau, die in der Juristerei beschäftigt ist, sich für Technologien interessiert, so wie Horn. Eine befreundetet Rechtsanwältin, erzählt sie, studiert nebenbei sogar Informatik. Und wo kommt die Motivation für das Engagement in dem Verein her? „Ich bin häufig zu Netzwerkevents gegangen und habe mich vorher immer gefragt: Wo sind denn die Frauen? Es besteht so viel Potenzial, so viele gut ausgebildete Frauen, die man miteinander in Verbindung bringen muss“, sagt Horn.

Die Gründer von reThinkLegal sind übrigens Studienfreunde von Horn. Im Vergleich zur Tätigkeit als Anwältin ist der Job bei reThinkLegal einer, der viel besser zu ihr passe. „Wir arbeiten viel mit Menschen zusammen, da kann es schonmal heiß hergehen. Aber ich habe den Eindruck, dass wir mit unserer Tätigkeit eine wirkliche Veränderung bewirken können“, beschreibt sie ihre Motivation. Außerdem seien im Fahrwasser von reThinkLegal seien einfach extrem viele innovative Menschen unterwegs. Das Unternehmen ist gerade dabei, verschiedene technische Lösungen für den juristischen Markt zu entwerfen. Auch Datenräume, in denen zum Beispiel bei Immobiliengeschäften die Geschäftspartner alle nötigen Infos abrufen können, bietet das Unternehmen an. „Wir wollen am Puls der Zeit bleiben“, so Horn weiter. Deswegen sei der Netzwerkcharakter bei AI FrankfurtRheinMain e.V. auch so wichtig für sie. Nur durch den Austausch und die gegenseitige Inspiration könnten innovative Problemlösungen entstehen.

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