Autonomes Fahren: R+V wagt den Selbsttest

Autonomes Fahren: R+V wagt den Selbsttest

R+V: Prototypen fahrerlose Shuttlebusse

Die R+V Allgemeine Versicherung AG ist einer der größten KFZ- und Logistikversicherer Deutschlands. Mit einem Prämienjahresumsatz von rund 2,5 Milliarden Euro trägt die Sparte als wichtiger Baustein zum Gesamtergebnis des Konzerns bei.

Mit dem Bekenntnis zur Vision Zero ist es unser Ziel, zu mehr Sicherheit im Straßenverkehr beizutragen. 2016 wurde unter der Schirmherrschaft des R+V Vorstandsvorsitzenden Dr. Norbert Rollinger, die Innovationsabteilung MO14 gegründet. Initiativen und Projekte, außerhalb des eigentlichen Versicherungsgeschäfts, an der Schnittstelle zu Industrie, Forschung und Politik sollen einen Know How Transfer in den Konzern sicherstellen, neue Risiken erkennen, bewerten und bestenfalls vermeiden.

Neue Themen, wie Konnektivität, Autonomes Fahren, Share Economy und Elektromobilität sind disruptive Treiber in der Produktentwicklung. Versicherungslösungen hierfür werden bereits heute vermehrt kundenseitig nachgefragt. Eine enorme Herausforderung in der Risikobewertung, jedoch auch eine gewaltige Chance, Verkehr sicherer zu gestalten. Der Mensch ist nach wie vor Unfallursache Nummer eins. Ablenkung, Emotionalität sowie Fahren unter Alkohol, sind rein menschliche Verhaltensmuster und führen mit rund 92% die Unfallstatistik souverän an.

2019 starben rund 3.059 Menschen im deutschen Straßenverkehr.

Fahrassistenzsysteme, auf dem Weg zum autonomen Fahren, leisten bereits heute einen wichtigen Beitrag zur Unfallvermeidung auf den Straßen. Technik vermeidet Auffahrunfälle, überwacht den toten Winkel oder weist auf Gefahrenstellen hin. Das autonome Fahren wird schließlich Emotionen und Ablenkung des Fahrers eliminieren und zu deutlich mehr Sicherheit beitragen. Schaut ein Autofahrer in den linken Rückspiegel, kann er nicht zeitgleich in den rechten sehen. Für die Technik kein Problem. Künstliche Intelligenz (KI) wird mehr und mehr Einzug in sicherheitsrelevante Bereiche halten. So auch in den Verkehr, im Fahrzeug genauso, wie in der Infrastruktur. Autonomes Fahren ist ohne KI nicht möglich.

 

Gegenwärtig gelten für jeden Verkehrsteilnehmer dieselben Regeln, gesetzlich für alle verpflichtend. Aber können für Algorithmen und ihre Entscheidungen dieselben Gesetze gelten, wie für Menschen?

  • Würden sie eine durchgezogene Linie überfahren, wenn die Situation, z. B. im Falle eines Unfalls, es erfordert?
  • Würden sie über die linke Fahrbahnbegrenzung fahren, um auf der Autobahn eine Rettungsgasse zu bilden?
  • Würden sie den Gesten eines Polizisten folgen, der sie über eine rote Ampel winkt?
  • Würden sie an einem Zebrastreifen warten, wenn ein Fußgänger am Straßenrand steht und telefoniert, jedoch keine Anstalten zum Überqueren der Fahrbahn macht?

Alle Fragestellungen erfordern eine individuelle Bewertung und intuitive Reaktion zur Entspannung der Situation. Wir Menschen lösen das Problem mit Intelligenz und Vernunft. Intelligenz besteht u. a. im Befolgen von Regeln sowie deren Interpretation. Vernunft ist das Abwägen auf Basis von Erfahrungen.

Kann man einer Maschine oder einem Algorithmus erlauben, gegen geltendes Gesetz zu verstoßen und zum Passieren eines Unfalls eine durchgezogene Linie zu überfahren? Wo ist die Grenze für Gesetzesüberschreitungen? Was, wenn diese Szenarien hochindividuell und selten sind?

Dafür ist KI nicht gedacht.

Viele ethische und moralische Diskussionen, wie das Trolley Dilemma oder die Entscheidungsfindung in Extremsituation, die man von KI erwartet, sind abstrakt und selbst von Menschen nicht richtig oder falsch zu beantworten. Dies von programmierten Maschinen zu erwarten ist nicht praktikabel, denn damit verlagert man die Verantwortung lediglich auf Ingenieure und Programmierer, deren Arbeit und Einstellung die Ethik der Technik definiert.

 

Als Versicherer interessieren uns neu aufkommenden Risiken, Hacking und Cyberrisiken, Zuverlässigkeit von KI, aber auch pragmatische Themen wie Vandalismus an unbeaufsichtigten Fahrzeugen. Themen mit denen unsere Kunden uns heute bereits konfrontieren.

  • Können autonome Fahrzeuge Fahrerflucht begehen?
  • Erlischt die Versicherung des Halters, wenn das Fahrzeug selbst fährt?
  • Was versichere ich in Zukunft, Mensch oder Maschine?
  • Wie entwickelt sich die Schadenquote im Mischverkehr autonomer und manuell gesteuerter Fahrzeuge?

Wir nähern uns diesen Themen, indem wir sie hinterfragen und eigene Erfahrungen sammeln. Als Reallabor dienten uns zu Beginn unserer Forschung zwei selbstfahrende Peoplemover eines französischen Herstellers. Das Eingeständnis der Unwissenheit hat uns dabei viele neue Erkenntnisse geliefert. Die Homologation und Zulassung eines solchen Fahrzeugs sowie der Einsatz im öffentlichen Straßenverkehr hat praktische Einblick in Gefahren und Risiken gegeben. Testfelder mit tausenden Fahrgästen gaben Aufschluss über die Nutzerakzeptanz und Anwenderrisiken. Das Feedback von Kunden und Betreibern hat uns bei der Produktentwicklung geholfen sowie ein neues Kundennetzwerk erschlossen.

Die Übertragung von Verantwortung über Leib und Leben, von Menschen auf Maschinen und die  Zunahme von künstlicher Intelligenz, die uns im Alltag begegnet, ist eine spannende Entwicklung. Diese Entwicklung sollte man jedoch nicht sich selbst überlassen, sondern sie aktiv mitgestalten.

Aus diesem Grund engagiert sich die R+V Versicherung bei AI Frankfurt Rhein-Main. 

Gastbeitrag:

Stefan Häfner

Innovation Manager “Autonomous Driving”

R+V Allgemeine Versicherung AG, Wiesbaden

 

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